Wenige Themen haben in letzter Zeit das allgemein eher kühle, deutsche Gemüt so angestachelt wie die umstrittene ““-Kampagne, welche derzeit massivst durch die meinungsbildenden Medien kursiert. Nebst Oppositionsbildungen und Vergleichen zum Nazi-Regime liefert man sich förmlich Schlammschlachten mit den Initiatoren. Dabei ist die Idee, welche sich hinter der Kampagne verbergen mag, nicht mal unbedingt die Schlechteste. Denn – und das darf man als Deutscher ruhig zugeben – wir sind das einzige Land, welches sich schämt, das Wort “” überhaupt in den Mund zu nehmen. Wer auch nur daran denkt, lebt schon mit der Angst, ein zu sein. Ausländerhasser, Antisemit, xenophober Paranoiker. Und was würden dann bloß die Nachbarn sagen?

Vor vielen Jahren wusste einst mein Geschichtslehrer ein mir bis heute in deutlicher Erinnerung gebliebenes Fallbeispiel zu erzählen:

Frage einen Amerikaner, was er ist.
Er wird Dir sagen: “Ich bin Amerikaner!”

Frage einen Franzosen, was er ist.
Er wird Dir sagen: “Ich bin Franzose!”

Frage einen Japaner, was er ist.
Er wird Dir sagen: “Ich bin Japaner!”

Frage einen Deutschen, was er ist.
Er wird Dir sagen: “Ich bin Postbote!”

Traurig, aber wahr. Der Horizont des Durchschnittsdeutschen beschränkt sich auf Heim und Herd. Man definiert sich nicht über Land und Leute, sondern nur noch über sich selbst. Ein treusorgender Partner, ein trautes Heim, ein geregelter Job. Der persönliche Mikrokosmos als Ausdruck des Etwas-Wert-Seins, der eigenen Identifikation und einer Zugehörigkeit, die uns vor über einem halben Jahrhundert verloren ging. Einem Stolz, der uns damals gestohlen wurde, von – wie es so schön heisst – den Sünden unserer Vorväter. Sünden, deretwegen der Deutsche noch heute gebückt statt aufrecht durch die Lande schleicht.

Nicht, dass der persönliche Umkreis etwas Schlechtes wäre – ganz im Gegenteil – jedoch wäre es falsch, dort bereits die Grenzen zu ziehen. Sicher darf man stolz auf seine Leistungen sein, stolz auf seinen Beruf und stolz auf die Familie – aber was darüber hinaus? Muss ich als Deutscher ständig das Gefühl haben, mich rechtfertigen zu müssen, wenn ich meine Herkunft offenbare? Oder ist es rechtens, dass mich die Paranoia beschleicht, sobald ich ein ““-Shirt anziehe, welches womöglich noch in Nationalfarben koloriert ist? Während andere Völker für ihr Land leben, kämpfen und sterben, schämen wir uns nur für unseres – und das, obgleich die Scham an sich das wirklich Beschämende daran ist. Der Durchschnittsdeutsche lebt noch immer in einer ständigen, unterschwelligen und unterdrückten Angst, von international Zugezogenen bewertet zu werden. In unseren Köpfen diskriminieren wir uns selbst. Klar gibt es auch immer wieder jene Angehörige anderer Kulturen, welche den Deutschen an sich als Nazi zu kategorisieren wissen. Aber genau jene sind es, die sich ironischerweise durch eine solche Diffamierung selbst als ignorante en outen.

Was aber noch viel schlimmer ist als gegen solche heutzutage eher vermindert auftretenden Vorurteile zu kämpfen, das sind Deutsche, die stets mahnend “da vorne” stehen. Die jedwede Aussage mit dem Dritten Reich zu verknüpfen wissen, und die aus einer Großschreibung der Worte “Drittes” und “Reich” sofort eine Affinität zum beurkunden können. So wurden ob der Eingangs genannten Kampagne sofort wieder Stimmen laut, welche den Slogan “Du bist Deutschland” mit Nazi-Propaganda auf eine Stufe stellten, gab es doch unter Adolf einst eine ähnliche Parole. Sicher, die Motivation wird eine ähnliche sein – der Aufruf, sich mit seinem Land zu identifizieren. Dennoch werden hier ganz andere Ursachen und Bevölkerungsschichten angesprochen. Wir sind heute – über fünfzig Jahre später – ein multikulturelles Land. Ein Schmelztiegel der Hautfarben und Religionen. Tür an Tür, wo einst Grenzen auf der Landkarte sowie auch in Köpfen waren. Die Werbekampagne richtet sich nicht wie einst an die “arische Herrenrasse”, sondern an all jene, die in diesem Land beheimatet sind. Es geht eben nunmehr darum, die persönlichen Grenzen des Mikrokosmos abzubauen und einen Schritt nach vorne zu wagen. Einen Schritt auf andere Menschen zu, einen Schritt in Richtung neue Perspektiven, einen Schritt in eine optimistischere Zukunft, die nicht nur aus den ewig gleichen Klageliedern und Selbstmitleid besteht. Es geht darum, selbst etwas zu schaffen, um es gemeinsam zu schaffen. Und auch, wenn es jene gibt, die bereits ausgezehrt und kraftlos sind oder schlichtweg keine Möglichkeiten haben, etwas zu bewegen – so behaupte ich einfach, lohnt es sich doch, wenn wenigstens “die Anderen” für kommende Generationen kämpfen.

Und all jene, die diese Kampagne der Großmauligkeit und Klugscheisserei wegen als nationalsozialistisches Zeichen werten, dürfen gerne weiter mit ihren Stammtischparolen ihre Lokal-politische Hexenjagd betreiben. Doch welche Zukunft sollen wir denn noch als Land haben, wenn ständig eine Horde selbsternannter Weltverbesserer mit erhobenem Zeigefinger mahnend auf der Vergangenheit herumreitet?

Einziger Kritikpunkt, welchen ich an dieser Kampagne anbringen möchte, ist, dass ich dort nur Menschen – sogenannte “Prominente” – sehe, welche über Probleme reden, die sie selbst nicht haben. In sinnentleerten Phrasen, die sie selbst nicht verstehen. Denn wenn ich der Schmetterling bin, der den Baum entwurzelt, und zeitgleich auch der Baum bin, der vom Schmetterling entwurzelt wird – welche mysteriöse Botschaft höheren Geistes soll mir hier vermittelt werden? Dass ich ein anti-ökologisch handelnder Randalierer bin, der sich selbst die Wurzeln kappt? Aber verzetteln wir uns nicht in Kleinigkeiten. Das wäre zu Deutsch.