So, da sitze ich jetzt also, eingepfercht wie ein Zuchtschwein im Abteil der Unterklasse 2. Klasse, bewaffnet mit einem Wochenend-Ticket und der Hoffnung, noch einigermaßen pünktlich den Zielbahnhof zu erreichen.

Die Fahrt selbst gestaltet sich dank der scheinbar eigens eingerichteten Kurzweil-Abteilung der recht aufregend: bislang hatte ausnahmslos jeder einzelne Zug Verspätung. Jeder. Einzelne. Zug. Das sind immerhin drei von drei, insgesamt ein Verspätungsfaktor von hundert Prozent. Wollte man sich in Hamburg noch die ein oder andere kulinarische Kötzlichkeit zu horrenden Preisen der maßlos überteuerten Bahnhofs-Gastronomie gönnen – was bei zwanzig Minuten Aufenthalt ja gar kein Problem darstellt – so sorgte die DB mit 25 Minuten Verspätung auf der einfachen Strecke von nach für ausgefallene Stimmung und marathonartige Umsteige-Fluten, welche sich tsunamiartig über den Bahnsteig ergossen. Trotz gefühlter 100 km/h per Pedes – natürlich voll ausgestattet mit Koffer und Rucksack – habe ich den Anschlusszug nur gerade so erwischen können. Man stelle sich hier eine Zeitlupen-Szene vor, wie ich mich dramatisch und in letzter Sekunde in den bereits zur Abfahrt zuckenden Zug hineinwerfe. Wieviele tapfere Kämpfer des Fernverkehrs bereits an diesem Tag gefallen sind ist unbekannt. Die Opferzahlen eine Grauzone.

Der anschließende Metronom fuhr dank unseres verspäteten Zuges natürlich auch verspätet ab. Schonmal eine gute Grundvoraussetzung. Ebenfalls ein schöner Effekt ist das nun auftretende menschliche Miteinander: durch kompromisslose Überfüllung Transportoptimierung darf man unverhoffte Ganzkörper-Massagen durch diverse Körperteile, Rucksäcke und Hartschalen-Koffer erleben, ein wahrer Jungbrunnen für die geschundene Gesundheit. Selbstredend stand einem nun als verzögerter Passagier ein ganz besonderer, zusätzlicher Fitnesswert zur Verfügung: Das Full-Time-Body-Standing ™. Eine ruckelige Fahrt in der Vertikalen ohne Möglichkeit zum Festhalten. Auch hier wieder eine tolle Gelegenheit, fremde Leute kennenzulernen, findet man sich nach einem plötzlichen Abbremsen unversehens in den üppigen Brüsten der exotischen Schönheit von Gegenüber in der haarigen Achsel eines verschwitzten Fabrikarbeiters wieder.

Mittendrin als Bonus noch ein Zwischenstopp in der Twilight Zone: ein verlassenes Bauerndörfchen lud zum Verweilen ein. Ich zerre ein besonders hartnäckig verkantetes Knie eines Mitleidenden Mitreisenden aus meinem Ohr und werde sofort zuverlässig vom Fachpersonal der Bahn über Ursachen und Auswirkungen aufgeklärt. Denn der Grund für diese weitere Verspätung findet sich in den Mythen und Sagen jener leisen und knackenden Durchsage-Lautsprecher: “Aufgrund eines *KRACK* *KRRRR* Zwischenhalt *BZZZT* *CHCHCHCH* Verspätung”. Die Vermutung ist, dass die Lautsprecher okay sind und die komischen Geräusche direkt vom Zugführer kommen, während sich das Personal in der VIP-Lounge bei Champagner und Kaviar köstlich über diesen allzeit heiteren Jokus amüsiert.

Nach einer Stunde aktiver Fußpilzzucht durch Dauerstehen trudelt der Zug – verspätet – in ein. Ein erneuter Marathon beginnt und aus den Lautsprechern des Bahnhofs erschallen propagandaartige Verwirrungstaktiken, um Mitreisenden und Mitgerissenen den letzten Rest zu geben. Irgendwo eine Baustelle, Zugverkehr umgeleitet, irgendwas. Wenn man den Anschlusszug in minus fünf Minuten erreichen muss, so hat man nur wenig Zeit, kurz innezuhalten und der lyrischen Durchsagepoesie zu lauschen. Sich verzaubern zu lassen vom monotonen, unterbezahlten Klang der manisch-depressiven Blabla-Stimme, die in lustlosem Wortgewäsch ihre Ahnungslosigkeit ob der Umstände zu vertuschen versucht. Unbeirrt betritt man den erstbesten, hinteren Waggon, wohlwissend, dass mit dieser Streckenverbindung sowieso kaum jemand reist. Aber auch hier belehrt mich die DB-Abteilung für spontane Über(be)legungen eines besseren: erstmals gleicht auch die kleine Bummelbahn von Uelzen nach Braunschweig einem Frischluftgehege. Erneute Menschenmassen zwängen sich hier auf kleinstem Raume und verschmelzen auf atomarer Ebene zu einer einzigen, wabernden, laute Geräusche gebärenden Einheit. Aber ich habe Glück: ein Sitzplatz. Nur für mich allein, meinen Rucksack und meinen Koffer. Und hier kommt nun erneut Erstaunliches zum tragen: durch raffinierte Platzökonomie und modernster Ingenieurskunst schaffte man es, die Plätze derart zu gestalten, dass man hier noch komprimierter zusammengefaltet wird als noch zuvor im maßlos überfüllten Abteil. Fast erwarte ich das Jingle: Knoff-Hoff!

Die langweilige und an Ödnis kaum zu überbietende Strecke würde mich nach und nach in einen paralysierten Schlaf gleiten lassen. Doch auch hier weiss die Bahn Abhilfe, so dass unvorsichtige Passagiere nicht aus Versehen ihren Zielbahnhof verpassen. Durch die unglaublich beengten Sitzverhältnisse strömen momentan permanent Schmerzsignale aus meinen Knieen die Beine auf und ab. So habe ich gerade zwar auch irgendwie den Laptop auf dem Schoß, aber kann ihn nichtmal richtig aufklappen, so dass ich diesen Beitrag quasi krummbuckelig verfassen muss, um etwas zu erkennen.

Ein wohlmeinendes Zitat voller Kundenliebe zum Schluss: “Für Weiterfahrende nach Wolfsburg: nicht in Gifhorn Stadt aussteigen, sondern eine später! Es reicht jetzt!!”. Kam übrigens gerade eben über die Durchsage.